Auszug - Natur- und Artenschutz in öffentlichen Grünanlagen im Ortsteil Illingen  

Sitzung des Ortsrates Illingen
TOP: Ö 5
Gremium: Ortsrat Illingen Beschlussart: (offen)
Datum: Di, 23.03.2021 Status: öffentlich/nichtöffentlich
Zeit: 18:00 - 20:02 Anlass: Sitzung
Raum: Saal der Illipse, Illingen, Burgweg 4
Ort:
5.0/141/2021 Natur- und Artenschutz in öffentlichen Grünanlagen im Ortsteil Illingen
     
 
Status:öffentlichVorlage-Art:Sitzungsvorlage
Verfasser:Christiane Nagel/David Johann
Federführend:5 Wirtschaft, Umwelt und Entwicklung Bearbeiter/-in: Hellbrück, Marvin
 
Wortprotokoll
Beschluss
Abstimmungsergebnis

 

Der Ausschuss für Umwelt, Planen, Bauen hat in der Sitzung am 25. Februar 2021 ein neues Handlungskonzept für die Pflege der innerörtlichen Grünflächen beschlossen. Hintergrund dieses Handlungskonzeptes ist das dramatische Insektensterben in den letzten Jahren. Gezielte Biotop- und Artenschutzmaßnahmen auf innerörtlichen Wiesen- und Rasenflächen mit Schwerpunkt Insektenschutz sollen dazu beitragen, eine artenreiche Tier- und Pflanzenwelt zu erhalten wie auch zu fördern.

 

Gemeindebeschäftigte Nagel geht in ihrem Beamer-Vortrag zunächst auf das Thema Insektensterben ein. Sie informiert, dass der Rückgang der Insekten in den vergangenen Jahren gravierende Ausmaße angenommen habe, weshalb ein schnelles Gegensteuern notwendig und wichtig sei. Anhand eines Kurzfilmes verdeutlicht sie, dass nach einer Studie der Universität Krefeld in den letzten 25 Jahren der Bestand der Insekten nicht nur deutschland-, sondern weltweit um 75 % zurückgegangen sei. 40 % der Fluginsekten seien sogar vom Aussterben bedroht. Als Ursachen hierfür seien der Klimawandel, Begradigung von Flüssen und einhergehende Lebensraumveränderung in Flussauen und Feuchtgebieten, zunehmende Urbanisierung mit der einhergehenden Flächenversiegelung und der Verlust von Lebensräumen durch Entwaldung zu nennen. Den größten Einfluss habe allerdings die Intensivierung in der Landwirtschaft mit all den negativen Begleiterscheinungen wie Einsatz von Insektiziden, Düngemitteln und der Intensivierung des Grünlandes. Im Zeitraum von 1990 bis 2013 seien zum einen in Deutschland 16 % des Grünlandes verloren gegangen. Zum anderen habe der Anteil an artenreichen, extensiv bewirtschafteten Wiesen, die einen Hauptlebensraum vieler Insektenarten darstellten, stark abgenommen. Das Insektensterben habe nicht nur dramatische Auswirkungen auf den Naturhaushalt, sondern auch auf uns Menschen. 75 % unserer Kulturpflanzen werden von Insekten bestäubt.

 

David Johann, Student am Umweltcampus Birkenfeld und kurzfristiger Gemeindebeschäftigter, erläutert die Vorgehensweise der Verwaltung bei der Erstellung eines insektenfreundlichen Pflegekonzepts für die innerörtlichen Rasen- und Wiesenflächen. Nach einer Bestandsaufnahme wurden die hierfür in Frage kommenden Rasen- und Wiesenflächen zusammengestellt und eine Gesamtfläche von 25.000 m² ermittelt. 4.000 m² davon würden weiterhin vom Baubetriebshof gepflegt, 21.000 m² würden zukünftig an eine Fremdfirma vergeben, die über die nötigen Gerätschaften verfüge, um die Vorgaben an die Pflege erfüllen zu können. Zukünftig sollten die Flächen mit einem Balkenmäher mit einer Schnitthöhe zwischen 10-12 cm gemäht werden. Der Balkenmäher schneide die Pflanzen, was zum einen das Nachwachsen begünstige. Zum anderen würden keine Insekten wie beim Kreiselmäher angesaugt und getötet. Auf den Flächen sollten nur noch 1-2 Mähgänge pro Jahr erfolgen. Durch das schonende Abräumen des Schnittguts würden die Flächen ausgemagert, was wiederum die Artenvielfalt begünstige. Auf größeren Flächen solle zeitlich versetzt gemäht werden, da es wichtig sei, dass auch Altgrasstreifen stehen blieben. Diese dienten den Insekten und Amphibien als Rückzugsorte, wenn der Rest der Fläche gemäht worden sei. Durch die Vergabe an eine Fremdfirma werde der Baubetriebshof entlastet, und es müssen keine Spezialgeräte angeschafft werden.

 

Folgende Flächen seien in Illingen für das Projekt vorgesehen:

 

Friedhof Illingen Eine Fläche soll zukünftig 2 x im Jahr gemäht und

ausgemagert werden

Erfurter Straße: Auf dem dortigen Spielplatz sollen zwei Teilflächen 

insektenfreundlich gemäht werden

Kreisel Kappellenstraße: Ansaat einer Blütenmischung

Hallenbad: 2 x mähen und ausmagern der Fläche

Rheinstraße: Einsaat einer Blütenmischung

Burgpark, Wiese an der Burg: 2x mähen, 1. Mähgang nach der Narzissenblüte

                                                Ausmagern der Fläche

Wiese hinter Pfarrhaus: 2 x mähen und ausmagern der Fläche

 

Seitens der Verwaltung ergehe zusätzlich der Appell an die Privatleute durch eine naturnahe Umgestaltung der Gärten und Vorgärten einen ergänzenden Beitrag für die heimische Insektenwelt zu leisten.

 

Gemeindebeschäftigte Nagel bittet die Ortsratsmitglieder, weitere Vorschläge für mögliche Flächen an die Verwaltung weiterzugeben. Diese werde dann überprüfen, ob die genannten Flächen für das Projekt in Frage kommen.

 

Ortsvorsteher Scholl dankt den Gemeindebeschäftigten für den informativen Vortrag.

 

Auf Rückfrage von Mitglied Jochum, ob die Wiesenflächen grundsätzlich betreten werden dürften, gibt Gemeindebeschäftigte Nagel zur Kenntnis, dass es selbstverständlich kein generelles Betretungsverbot für die Flächen gäbe. Allerdings werde eine entsprechende Beschilderung über die Hintergründe des Projektes und einen verantwortlichen Umgang mit der Natur hinweisen.

 

Zu der Frage von Mitglied Simmet, ob eine vermehrte Ansammlung von Zecken in diesen Wiesen zu befürchten sei, erwidert Gemeindebeschäftigen Nagel, dass ihr bisher keine entsprechenden Studien bekannt seien. Sie werde allerdings noch einmal recherchieren und gegebenenfalls die entsprechenden Informationen nachreichen.

 

Hinsichtlich der Bedenken einiger Mitglieder, das neue Pflegekonzept könne möglicherweise die Verkehrssicherheit auf dem Spielplatz Erfurter Straße beeinträchtigen, hebt Gemeindebeschäftige Nagel noch einmal deutlich hervor, dass bewusst nur bestimmte Bereiche der gesamten Fläche in das neue Pflegekonzept aufgenommen worden seien, um sicherzustellen, dass der Spielbetrieb nicht beeinträchtigt werde. Es könne sehr viel eher als Mehrwert verstanden werden, wenn Kinder zusätzlich die Möglichkeit bekämen, in den Randbereichen zur eigentlichen Spielfläche eine artenreiche Tier- und Pflanzenwelt zu erleben.

 

Mitglied Kurtenacker erachtet die mögliche Ansiedlung von Giftpflanzen in den Blühwiesen als bedenklich und stellt die Frage, ob diesbezüglich eine Möglichkeit zur Eindämmung einer solchen Ansiedlung bestehe.

 

Gemeindebeschäftigte Nagel erläutert, dass man generell einer eventuellen Ausbreitung von Neophyten nur bedingt gegenzusteuern könne.

 

Mitglied Mohr befürwortet das Projekt, stellt allerdings die Frage, warum die Pflege nicht vom Baubetriebshof der Gemeinde durchgeführt werde, sondern eine Fremdfirma damit beauftragt werden solle.

 

Kurzfristig Beschäftigter Johann erläutert, dass dem Baubetriebshof sowohl die personellen als auch die technischen Voraussetzungen fehlen würden, um die insgesamt 25.000 m² Wiesenfläche in der Großgemeinde entsprechend zu pflegen.

 

Auf Rückfrage von Mitglied Groß welche Kosten durch die Vergabe der Pflegearbeiten an eine Fremdfirma entstünden, gibt Gemeindebeschäftigte Nagel zur Kenntnis, dass die Kosten sich von derzeit etwa 7.500,00 Euro pro Jahr auf circa 14.000,00 Euro pro Jahr erhöhen würden.

 

Ortsvorsteher Scholl begrüßt grundsätzlich das vorgestellte Konzept. Er äußert allerdings seine Bedenken hinsichtlich der Fläche im Burgpark, angrenzend zur Krankenhausstraße. Da der Burgpark ein Aushängschild für Illingen sei, erachte er es als sehr unpassend diese Fläche sich selbst zu überlassen. Dies erwecke bei Bürgerinnen und Bürgern als auch bei Besuchern den Eindruck, die Gemeinde kümmere sich nicht um die Pflege ihrer Grünanlagen und könnte die Gemeinde somit in ein negatives Licht rücken. Er spricht sich dafür aus, diese Fläche von dem neuen Konzept auszunehmen und als gepflegtes Aushängeschild zu bewahren.

 

Mitglied Jochum spricht sich dafür aus, der Natur eine Chance zu geben und die Umsetzung des Konzeptes auf zwei Jahre befristet zu beschließen. Nach dieser Zeit könne man auf Grundlage der gesammelten Erfahrungen neu beraten und gegebenenfalls nachsteuern.

 

Ortsvorsteher Scholl bittet um eine Sitzungsunterbrechung, der einstimmig stattgegeben wird.

 

Nach Wiedereintritt in die Tagesordnung schlägt CDU-Fraktionssprecher Fuchs vor, dem Pflegekonzept unter Ausschluss der Wiesen an der Burg zuzustimmen.

 

SPD-Fraktionssprecher Menges spricht sich dafür aus, das vorgeschlagene Konzept unverändert zu beschließen, allerdings mit einer Befristung auf 2 Jahre und der Option dann nochmal darüber zu beraten und gegebenenfalls neu zu entscheiden.

 


Beschluss:

 

Der Ortsrat Illingen stimmt der Umsetzung des vorgestellten Pflegekonzeptes auf den innerörtlichen Grünflächen von Illingen zu. Die Umsetzung des neuen Pflegekonzeptes soll vorerst auf einen Zeitraum von zwei Jahren begrenzt werden.

 


Abstimmungsergebnis: 5 Ja Stimmen, 4 Nein Stimmen, 3 Enthaltungen